Aktualisiert am 29.05.2026 – 09:50 Uhr
Behörden überprüfen erneut Bunker, Tiefgaragen und U-Bahn-Schächte für den Ernstfall. In vielen Städten ist vom Schutzraum-Netz jedoch kaum mehr als eine Kartei übrig geblieben. Wo früher Tiefgaragen, U-Bahn-Schächte oder alte Bunkeranlagen wenig Beachtung fanden, richten die Behörden mittlerweile ihren Fokus darauf. Deutschlands Städte bereiten sich verstärkt auf Krisen- und Verteidigungsfälle vor. Hintergrund sind neue Pläne des Bundesinnenministeriums, das Milliarden in den Zivilschutz investieren möchte.
Nach Regierungsangaben existieren 579 sogenannte „öffentliche Schutzräume“ in Deutschland. Eine Sprecherin erklärte: „Diese sind bezogen auf ihren ursprünglichen Zweck des Schutzes vor den sogenannten CBRN-Gefahren (=chemische, biologische, radiologische und nukleare Gefahren) weder funktions- noch einsatzbereit.“ Das soll sich ändern. Schutzräume, Notfallpläne und Warnsysteme werden überprüft. Hilfsorganisationen fordern seit Langem bessere Vorbereitungen für großflächige Krisenlagen. Viele Kommunen stehen dabei jedoch vor großen Herausforderungen. Ein Überblick.
Berlin
Berlin, als Hauptstadt und Regierungssitz, hat trotz seiner Größe kaum nutzbare öffentliche Schutzräume. Nach Angaben der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) sind lediglich vier öffentliche Schutzräume formal dem Zivilschutz gewidmet, die insgesamt 4.080 Plätze bieten. Einsatzbereit ist jedoch keine dieser Anlagen. Der Berliner Senat bestätigt, dass derzeit keine nutzbaren öffentlichen Schutzräume existieren.
Sonderfall Ostdeutschland
In ostdeutschen Städten existieren keine öffentlichen Schutzräume. Der Grund dafür ist, dass die bestehenden Schutzräume nach der Wiedervereinigung nicht in das Schutzraumkonzept des Bundes übernommen wurden. Eine Sprecherin der Bundesregierung erklärte: „Sie unterlagen daher zu keinem Zeitpunkt der Zivilschutzbindung nach dem Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz.“
Erfurt
In Erfurt gibt es folglich keine aktiven Schutzbauwerke mehr. Nach Angaben der Stadt wurden frühere Schutzräume stillgelegt und könnten nicht reaktiviert werden. Auch private Hausschutzräume seien im Zuge von Sanierungen größtenteils umgebaut worden. Für den Schutz der Bevölkerung im Kriegsfall existieren damit aktuell keine einsatzbereiten Anlagen. Ein Sprecher der Stadt verwies auf fehlende Vorgaben des Bundes und erklärte, dass unklar sei, welche Anforderungen künftige Schutzräume erfüllen müssten.
Dresden
Dresden hat zwar noch alte Bunker, darunter Anlagen aus DDR-Zeiten oder dem Zweiten Weltkrieg, jedoch stehen derzeit keine funktionsfähigen öffentlichen Schutzräume zur Verfügung. Die Stadt verweist in diesem Zusammenhang auf fehlende Vorgaben, Konzepte und Finanzierung durch Bund und Land.
Leipzig
In Leipzig gibt es derzeit kein abgestimmtes kommunales Schutzraumkonzept. Unklar seien unter anderem Anforderungen, Zuständigkeiten, Schutzziele, technische Standards, Betreiberpflichten sowie mögliche Finanzierungs- und Förderstrukturen. Ein Sprecher der Stadt erklärte, dass Leipzig aktuell keine belastbaren Angaben zu Zahl, Standorten oder Kapazitäten möglicher Schutzräume machen könne.
Nürnberg
Nürnberg hatte einst 18 öffentliche Schutzräume mit mehr als 15.000 Plätzen. Heute sind viele Anlagen stillgelegt, verkauft oder anders genutzt. Nur noch vier Einrichtungen mit insgesamt 2.989 Plätzen sind offiziell Schutzräume, einsatzbereit ist jedoch keiner. Die Stadt prüft, ob das U-Bahn-Netz im Ernstfall als Zufluchtsort dienen könnte.
Regensburg
In Regensburg gibt es nach Angaben der Stadt noch drei frühere Schutzanlagen. Diese sind jedoch alt und bieten aufgrund ihres Alters keinen Schutz mehr vor atomarer Strahlung. Die Stadt kann derzeit keine konkreten Schritte zur Reaktivierung bestehender Bunker oder zum Bau neuer Schutzräume einleiten, da verbindliche Entscheidungen und finanzielle Zusagen von Bund und Ländern fehlen.
München
München hat 17 öffentliche Schutzräume, von denen 14 in Tiefgaragen liegen und zusammen rund 16.000 Plätze bieten. Allerdings sind auch diese Anlagen nicht einsatzbereit, da Wartung und Instandhaltung 2007 eingestellt wurden. Die Feuerwehr weist darauf hin, dass die bestehenden Räume nicht den heutigen Gefahrenlagen entsprechen.
Frankfurt am Main
Frankfurt zeigt, wie weit Warnen und Schützen auseinanderliegen. Die Stadt ist an das Modulare Warnsystem (MoWaS) des Bundes angeschlossen und kann über Warn-Apps, Cell Broadcast, Rundfunk und digitale Tafeln alarmieren. Feste Schutzorte gibt es bislang jedoch nicht.
Köln
Köln hat im Ernstfall keinen funktionsfähigen öffentlichen Schutzraum. Das alte westdeutsche Schutzraumkonzept wurde nach dem Kalten Krieg aufgegeben, Wartung und Instandhaltung wurden eingestellt. Künftig könnten auch Tiefgaragen, U-Bahnhöfe oder Kellerräume als Zufluchtsorte eine Rolle spielen.
Aachen
In Aachen gibt es noch 14 ehemalige Bunkeranlagen, die jedoch nicht mehr als Schutzräume taugen. Der Musikbunker in der Goffartstraße steht exemplarisch dafür, dass viele frühere Schutzräume heute für andere Zwecke genutzt werden.
Düsseldorf
Düsseldorf hat fünf öffentliche Schutzräume mit insgesamt 10.862 Plätzen, die formal noch dem Zivilschutz gewidmet sind. Doch einsatzbereit ist keine der Anlagen. Der Bilker Bunker, der einst 2.000 Menschen Schutz bot, ist heute ein denkmalgeschütztes Wohn- und Kulturprojekt.
Duisburg
Duisburg hält derzeit keine bezugsfertigen Schutzräume vor. Die Stadt verweist darauf, dass der Zivilschutz in der Zuständigkeit des Bundes liegt und konkrete Vorgaben zur möglichen Rolle der Kommunen oder zur Finanzierung bislang fehlen.
Hamburg
Hamburg hat die größte Fallhöhe: mehr öffentliche Schutzräume als jede andere deutsche Großstadt, jedoch keine einsatzbereite Anlage. 33 Schutzräume mit 33.618 Plätzen sind formal dem Zivilschutz gewidmet, darunter Bahnhofsbereiche, Tiefbunker und ein Stollen. Die Frage bleibt, was davon zu welchem Preis reaktiviert werden könnte.
Hannover
Hannover hat keine offiziellen Schutzräume mehr; sämtliche früheren Anlagen wurden rückabgewickelt. Die Stadt ist jedoch beim Warnsystem besser aufgestellt und kann über verschiedene Kanäle warnen.
Braunschweig
Braunschweig gehört zu den Städten ohne öffentliche Schutzräume. Ein städtisches Schutzraumkonzept existiert nicht; die Stadt verweist auf den Bund und wartet auf das nationale Konzept des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK).
Bremen
Bremen hat kaum klassische Schutzräume, verfolgt jedoch ein eigenes Programm zur Zivilschutzdebatte. Nach Angaben der BImA sind noch zwei Anlagen mit insgesamt 489 Plätzen formal dem Zivilschutz gewidmet, beide sind jedoch nicht einsatzbereit.
Kiel
In Kiel gibt es derzeit keine funktionsfähigen öffentlichen Luftschutzbunker oder Schutzräume. Frühere Anlagen wurden bis 2020 auf Weisung der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben technisch zurückgebaut und sind nicht kurzfristig einsatzbereit. Die Stadt prüft Konzepte für Notunterkünfte und Aufenthaltsflächen sowie Warn- und Informationsstrukturen.
Oberbürgermeister Samet Yilmaz betont die Notwendigkeit, dass Zivilschutz und Krisenvorsorge wieder stärker in den Fokus rücken müssen. Kiel arbeitet kontinuierlich an Konzepten für Bevölkerungsschutz, Notunterkünfte und Warnstrukturen und fordert bundesweit abgestimmte Konzepte und ausreichende finanzielle Unterstützung. Zudem ist es wichtig, auf die aktuelle Lage aufmerksam zu machen, wie in dem Artikel Speicherbetreiber warnen vor kritischer Gassituation im Winter beschrieben.
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Quellen: t-online
Bildquelle: User:Nicor via Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.5)