Der kleine Ort Gerswalde in der Uckermark zieht immer mehr Berliner an, die die Ruhe der ländlichen Umgebung suchen. Diese Entwicklung bringt nicht nur frische Kaufkraft und kreative Ideen, sondern führt auch zu Spannungen zwischen den ansässigen Bewohnern und den Neuzugezogenen.
Belebung durch Berliner Zuzug
Am Samstagmorgen ist die Dorfstraße in Gerswalde stark belebt. Viele Autos parken entlang der Straße, während zahlreiche Menschen gemächlich entlangschlendern. Ihr Ziel ist „Der große Garten“, ein beliebter Ort für stadtmüde Besucher aus Berliner Stadtteilen wie Prenzlauer Berg und Kreuzberg. Hier finden sie ein Angebot, das an die Vielfalt der Hauptstadt erinnert, einschließlich Galerien und Cafés mit Blick auf die malerische Uckermark. Mina Mahouti hat in diesem besonderen Umfeld ein Bistro eröffnet. Bei ihrem „Soft opening“ bietet sie Grilled Cheese Sandwiches und Tiramisu zu Preisen an, die durchaus mit denen in Berlin konkurrieren können.
Trennung zwischen Alteingesessenen und Neuen
Die Alteingesessenen hingegen sieht man seltener im „Großen Garten“; sie bevorzugen den Dorfladen. Die Berührungspunkte zwischen den beiden Gruppen sind spärlich. Ein Einheimischer bemerkt, dass sie sich oft unsicher sind, was die Neuen bezwecken, und betont, dass sie ebenfalls einen Garten besitzen. Mina Mahouti pendelt zwischen Stadt und Land und schätzt diese Abwechslung, hält jedoch die völlige Abkehr von Berlin für zu extrem.
Demografische Veränderungen und Immobilienmarkt
Gerd Henselin, der im Ortsteil Groß Fredenwalde von Gerswalde lebt, hat im Laufe der Jahre die Veränderungen in seinem Heimatdorf genau beobachtet. Einst lebten hier 400 Menschen, heute sind es nur noch etwa 85. Viele der leerstehenden Häuser wurden an Berliner oder in Berlin lebende Käufer verkauft, was die verbleibenden Einheimischen unter Druck setzt. Die höheren Einkommen der Zuziehenden erlauben es ihnen, mehr für Immobilien zu zahlen, was dazu führt, dass Einheimische auf die wenigen vorhandenen Mietwohnungen angewiesen sind. In der ehemaligen Schule wurden Ferienwohnungen eingerichtet, nachdem die Schule selbst geschlossen wurde.
Neues Leben im alten Gutshaus
Im ehemaligen Gutshaus der Familie von Arnim hat eine frühere Medienmanagerin aus Berlin Millionen in Renovierungen investiert. Sie beabsichtigt, nach dem Schulabschluss ihres Kindes häufiger im Dorf zu wohnen, bis dahin nutzt sie das Anwesen als Wochenendhaus, das mit Tennisplatz und Pool ausgestattet ist. In einem umgebauten Stallgebäude hat sie 20 Ferienwohnungen eingerichtet, um ihren Lebensunterhalt in der Stadt zu sichern. Diese Umwandlungen beeinflussen auch die Dorfgemeinschaft, was die Eigentümerin selbst spürt. Sie erkennt, dass mit jedem verkauften Haus an Zugezogene ein Stück der alten Dorfstruktur verloren geht und bezeichnet dies als Gentrifizierung.
Konflikte um den Solarpark
Gerswalde wird von Außenstehenden als Modell für ländliche Gebiete angesehen, die mit Abwanderung und Überalterung zu kämpfen haben. Obwohl der Zuzug neuer Bewohner als Chance betrachtet werden sollte, führt er in einigen Fällen zu Widerstand. So sorgt ein geplanter Solarpark zwischen den Ortsteilen für Unmut unter den Zugezogenen, die um ihre Aussicht auf die Uckermark besorgt sind. Johanna Michel, eine Modeprofessorin aus Berlin, beschreibt ihr Haus als Lebenstraum und hat sich gegen die Pläne des Gemeinderats ausgesprochen. Der stellvertretende Bürgermeister Frank Riebe betont, dass solche Kompromisse notwendig sind, um junge Menschen im Dorf zu halten und die Infrastruktur zu sichern.
Gemeinschaftliche Initiativen und Miteinander
Trotz der Spannungen zeichnen sich auch positive Entwicklungen im Miteinander der verschiedenen Gruppen ab. Der von Frank Riebe gegründete Verein „Füreinander – Miteinander“ fördert den Austausch zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen. Bei gemeinsamen Veranstaltungen, etwa Grillabenden, kommen die beiden Gruppen näher zusammen. Die alte Feuerwache in Groß Fredenwalde wurde zu einem Begegnungsort umgestaltet, an dem auch der Dorf-Chor probt. Hier treffen sich Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen zum gemeinsamen Singen und Kennenlernen. Diese Vielfalt wird von den Chormitgliedern als bereichernd erlebt, und es ist nicht ungewöhnlich, dass auch Berliner Lieder in Gerswalde erklingen.
Quellen: tagesschau
Bildquelle: depositphotos